Jegliche Arbeit ist mit Erwerbsarbeit gleichzustellen

Wie definieren wir wertgeschätzte Arbeit?

Die Gelegenheit ist verlockend. Gewerkschaften und Unternehmerverbände erkennen übereinstimmend, dass unter dem Begriff „Arbeit 4.0“ alles anders wird – und nutzen ihre Wortmeldungen dafür, alle schon immer erhobenen Forderungen zu wiederholen. Flexible Arbeitszeiten mögen wichtig sein, die Verkürzung tariflicher Arbeitszeiten sicherlich erst recht: Aber sind das hinreichende Antworten auf Fragen, die die digitale Vernetzung für die Zukunft der Arbeit aufwirft?

Dem Thema müssen wir uns von anderen Standpunkten aus nähern. Zuerst halte ich die Frage für bedeutsam, mit welchem Begriff von „Arbeit“ wir die Zukunft gestalten wollen. Bleibt es dabei, Erwerbsarbeit über alles zu stellen oder schaffen wir es, sämtliche Tätigkeiten rund um Familie, Erziehung und Bildung, Gesundheit und Pflege – ob bezahlt oder nicht – ebenso wertzuschätzen wie die produktive Tätigkeit zugunsten von Profiten?
In ihrem Verständnis von Arbeit sind Unternehmer und ihre linken Gegenspieler in Politik und Gewerkschaft erstaunlich konform. Das drückt sich auch in überraschender Einmütigkeit aus, mit der Flüchtlinge aus aller Welt in beiden Lagern mit sympathischer Offenheit empfangen werden. Zugleich drückt es sich in gleichgesinnter Argumentation aus, wenn die unkonventionelle Debatte um Bedingungsloses Grundeinkommen BGE abgewehrt wird.
Beides: sowohl der Arbeitsbegriff als auch die soziale Sicherheit aller Bevölkerungsgruppen stehen aber mit der Veränderung der Arbeitswelt in einem neuen Licht. Massenhaft vernetzte Maschinen schöpfen unter der Regie einer kleinen Steuerungselite die Werte, aber sie konsumieren natürlich nix, dafür braucht es schon Massen von Menschen mit Einkommen.
Die nahe liegende Antwort auf die Frage, wie das zusammen passt, ist dann eben die Steuer auf Maschineneinsatz und daraus folgende Gewinne sowie die Umverteilung in Form des BGE, des Grundeinkommens. Es steht ja auch nicht zufällig im Grundgesetz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und nicht nur die Würde des Menschen mit sozialversicherungspflichtiger Arbeit. Und es ist längst überfällig, allen Kindern ein Mindesteinkommen und faire Bildungschancen zu sichern, egal ob ihre Eltern wirtschaftlich erfolgreich genug sein können, um den Aufwand dafür auch zu bezahlen.
Aus diesem Blickwinkel verliert das von den Kritikern des BGE bevorzugte Argument an Überzeugungskraft, es lautet: Wer das Geld ohne Bedingung für seinen Lebensunterhalt kriegt, ist nicht bereit oder in der Lage, seine Leistungskraft für die Entwicklung der Gesellschaft, vor allem für wirtschaftlichen Fortschritt, einzusetzen.
Nonsens, sage ich. Meine Oma, geboren 1898, traumatisiert in zwei fürchterlichen Kriegen, hat sich lebenslang bedingungslos für ihre Kinder und Enkel eingesetzt. Sie hat härter gearbeitet als die meisten Menschen, die ich kenne, ungefähr 20 Jahre lang eine kleine Rente und nach 86 Lebensjahren vielleicht Gotteslohn erhalten. Das BGE hätte ihr wirklich geholfen. Ihrer alleinerziehenden Tochter sowie mir und meinen drei Geschwistern übrigens auch.

Es gibt einige naheliegende Einwände gegen die Idee, für alle Menschen im Land ein garantiertes Einkommen zu beschließen.

  • Manche sagen: ist unbezahlbar,
  • Andere sagen: dann arbeitet keiner mehr,
  • Und sehr bedenkenswert ist  die Meinung: das ist unsozial, wenn zugleich die gezielte soziale Hilfe abgeschafft und unzureichend pauschal ersetzt werden soll.
Dagegen meine ich,  mit dem Grundeinkommen wird es möglich,
  • Erziehung, Pflege und jegliches Ehrenamt sowie Kulturarbeit ohne Not zu leisten; dies alles wird künftig die angemessene Wertschätzung erfahren, gleichgestellt mit Erwerbsarbeit
  • Arbeit abzulehnen, für die eine Bezahlung unterhalb der Existenzsicherung angeboten wird
  • Zwei absehbare Probleme zu lösen, die mit Demografie und Digitalisierung zusammenhängen: trotz Mangel an Arbeitsplätzen die soziale Sicherheit zu gestalten, zur Wahrung des gesellschaftlichen Friedens.