Petra Morsbach: Justizpalast, ISBN 978-3-641-21666-5

Zornigers Palast-Evolution

Das Wort “Kommunikationsmonster” fiel mir neulich im Gespräch mit einem alten Freund ein, als er uns in Erinnerung rief, welchen abschreckenden Eindruck meine eigentlich gutherzige Oma in den fünfziger Jahren auf Nachbarskinder gemacht hat – bewusst oder einfach so, ohne Absicht, wer weiß. Petra Morsbach erzählt in ihrem wunderbaren Buch fast pausenlos von Kommunikationsmonstern, die im Justizpalast von München hart arbeiten und emotional sparsam leben. Sie haben zu urteilen, fuchsen sich in die Themen rein, aber wenn sie vom Berg der Arbeit aufblicken, sehen sie ein Leben, von dem sie wenig mitfühlen können.

Tirza Zorniger, Tochter eines charismatischen Schauspielers und einer depressiven Mutter, wächst bei den Großeltern auf. Es gelingt der Autorin meisterhaft, die Einsamkeit des Kindes zu schildern, und daneben die Unfähigkeit der Erwachsenen, selbst derer die sich bemühen, das Kind zu verstehen. Tirza wird Juristin und zieht ihren Weg durch die Sparten der Gerichtsbarkeit. Die Anforderungen und Aufgaben sind so kenntnisreich erzählt, Beispiele so vielfältig und anschaulich dargestellt, dass bei mir am Ende der Eindruck hängen bleibt, ich hätte in einem Sachbuch nicht mehr über die Juristerei erfahren können als in diesem Roman.

Und dann noch dies: Tirza ist eigentlich politisch ohne festen Kompass unterwegs, hat außer dem Anspruch, ruhig und wohlüberlegt Recht nach dem Buchstaben des Gesetzes zu sprechen, auch den, so gut es geht gerecht zu handeln. Aber unter den Richtern, die ihr zum Vorbild  gereichen – und privat auch als Kommunkationsmonster rumlaufen – ist einer, der sich besonders über die Ungerechtigkeiten der Mächtigen gegen einen Korruptionsjäger ereifern kann. Da geht´s gegen ganz Oben.

So lernen wir in diesem Roman, dass die bayerische politische Lichtgestalt Franz Josef Strauß, als Metzgersohn 1915 auf die Welt gekommen und als Ministerpräsident 73 Jahre später gegangen, seinen Kindern mehrere versteckte und sehr gut gefüllte Konten hinterlassen hat. Eines davon ist nachweislich Ende März 1990 in bar aufgelöst worden: “Dreihundertneunundfünfzigmillionenvierhundertachtundneunzigtausend/0,66 DM” sind vom Strauß-Sohn Max selbst oder von einem seiner Beauftragten weggeschleppt worden. Steht so im Buch, das sich hoffentlich nicht nur Bayern gut verkaufen lässt.