Europas Gründergeneration zielte auf die Überwindung nationaler Grenzen

Die Wurzel der kulturellen Identität wächst in der Region, nicht in der Nation

Das digitale Magazin Krautreporter empfiehlt in seiner Wochenpost am 10. Februar 2018 die Lektüre eines Essays des österreichischen Schriftstellers  Robert Menasse über die Idee der europäischen Einigung. Menasse entwickelt unter anderem aus den Zitaten einer Rede von Walter Hallstein aus dem Jahr 1954 die überzeugende Vision von der Zukunft Europas: Zwar kann jeder auf die Frage „Was ist die EU?“ im Schlaf mit „Friedensprojekt!“ antworten, gähnen und weiterschlafen, aber diese Antwort ist weniger als die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit war, ist und bleibt: „Sicherung von nachhaltigem Frieden durch die Überwindung der Nationen und Schaffung eines nachnationalen Europa.“

Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig. Die Menschen, die den Sinn des Projekts nie gehört haben, merken jetzt dessen Konsequenzen und halten diese für verrückt und bedrohlich. Und die politischen Repräsentanten, die in europapolitischer Verantwortung stehen, wissen natürlich, dass sie, die nur in nationalen Wahlen gewählt werden, auf Gedeih und Verderb ihres politischen Überlebens das Angebot machen müssen, nationale Interessen zu verteidigen, besser gesagt: mit allen Mitteln diese Fiktion, dass „nationale Interessen“ ein Synonym für die Interessen ihrer Wähler sei, aufrecht zu erhalten. So schaukelt sich heute das auf, was wir „Renationalisierungstendenzen“ in Europa nennen, und diese gehen nicht vom rechten Rand, den klassischen nationalistischen Biotopen aus, sondern von der politischen Mitte, und sind systembedingt.

Es ist faszinierend, wie weit die Gründergeneration des Europäischen Projekts vorausgedacht hatte, wie konkret ihre Phantasie war und realistisch verwurzelt in den „Realitäten Europas“. Lesen wir die eingangs zitierte Rede von Walter Hallstein weiter:

„Als erste europäische Realität sieht unser Einigungswerk den europäischen Menschen, den Europäer als Einzelwesen, als Mitglied seiner Familie, als Angehörigen seiner Gemeinde, seiner Heimatregion. Daher ist den europäischen Gemeinschaften, die das Zusammenleben der europäischen Menschen neu und besser ordnen wollen, eine Verantwortung für wohlverstandene Regionalpolitik mitgegeben worden.“

Regionalpolitik war bald das Herzstück der politischen Anstrengungen von Hallstein und Monnet. Für sie war die Region die logische politische Verwaltungseinheit in einem postnationalen Europa. Es ist die Region, die in Wahrheit für den Menschen mentalitätsprägend und identitätsstiftend ist – das weiß doch im Grunde jeder, so wie ein Bayer weiß, dass er kein Preuße ist, und beide nur Deutsche bei der Wetterkarte im Fernsehen… oder nach der Lektüre deutscher Zeitungen im gemeinsamen Hass auf „die“ Griechen – und es ist die Region, die sich als einziges soziales und kulturelles Kontinuum in einer Geschichte von sich stetig und willkürlich und zufällig ändernden nationalen Grenzen erwiesen hat.


Krautreporter Alexander von Streit erklärt, wie es zu der Veröffentlichung des Essays gekommen ist: Robert Menasse hat im vergangenen Jahr für seinen Roman „Die Hauptstadt” den Deutschen Buchpreis gewonnen. Diesen Essay hat er für einen Vortrag an der Universität Jena geschrieben und uns honorarfrei zur Verfügung gestellt. „Es ist mir eine Ehre”, sagte er. Well, wir sind gerührt. Tausend Dank!

Seit Anfang Januar hat die Süddeutsche Zeitung 13 Beiträge in ihrer Serie „Was ist Heimat?“ veröffentlicht – fast als hätte sie geahnt, dass der bayerische Politiker Seehofer deutscher Heimatminister werden soll. Ob er sich wohl der Frage annehmen wird, wie ein europäisches Heimatgefühl entsteht? Jedenfalls passt der aktuelle Beitrag am 12. Februar 2018 „Die Stadt ist viel inklusiver als der Nationalstaat“ wunderbar zu dem Essay von Robert Menasse, und der hier verlinkte zweite Beitrag der Serie vom 3. Januar 2018 thematisiert die spannungsgeladene Frage “Kann Europa jemals Heimat sein?” Auszug:
Geboren wurde die EU als Friedensprojekt, das die Nationen überwinden sollte. Der Unternehmer Jean Monnet, einer ihrer Gründerväter, ging noch davon aus, dass die Nationalstaaten, die für ihn vor allem ökonomische Interessen nationaler Eliten verkörperten, bald an Bedeutung verlieren würden. Die EU sollte als Dach vieler kleiner Regionen fungieren. Heute besteht die EU laut Eurostat-Broschüre aus 276 einzelnen Regionen wie Oberbayern oder der Provence. Doch bislang gelingt es ihr nicht, ein den Kontinent umspannendes Heimatgefühl zu erzeugen.

Voraussetzung dafür wäre, dass Europa eine Erzählung darüber entwickelt, was es ist. Denn Heimat ist letztlich weniger ein Ort als vielmehr ein Narrativ – erzählte Herkunft. Und natürlich dessen Umsetzung. Dass die EU bislang kein Heimatgefühl prägen konnte, liegt nicht zuletzt am Mangel an Möglichkeiten zur Teilhabe und Mitgestaltung.