Der Wissenschaftler Per Mollander erklärt in einem sehr klugen Diskurs "Die Anatomie der Ungleichheit"

Ungleichheit mag unvermeidlich sein, Chancengleichheit ist aber unverzichtbar

Das Beispiel vom Murmelspiel ist absolut einleuchtend: Einer hat fünf und der andere hat 50 Murmeln, das Spiel endet, wenn einer alles hat – wer gewinnt normalerweise? Okay, Per Molander ist Schwede und 1950 wahrscheinlich mit dem sozialdemokratischen Gen in den Adern geboren worden. Bevor er aber die Schlussfolgerung zieht, welche politische Ideologie etwas besser als andere geeignet ist, der  Ungleichheit Schranken zu setzen, erklärt er ausführlich, warum das Phänomen sozusagen naturgegeben ist.

Und wie lange schon kluge Köpfe davor gewarnt haben, dem ungleichen Spiel der Kräfte unbeschränkten Lauf zu lassen. Nämlich schon vor etwa 4000 Jahren in Keilschrift auf Stein gemeisselt in einer sumerischen Hymne aus Nippur, in der “mit verhaltenem Zorn” die Unterdrückung von Waisen und Witwen beklagt wird.

Über die “Archäologie der Ungleichheit” in Altertum und Mittelalter kommt Molander bald auf  die Widersprüche aller “Kontrakttheoretiker”. Einleuchtend, aber (mir jedenfall) nicht sooo präsent, ist die unvermeidliche Grundlage jeder sozialen Interaktion, nämlich das ständige Verhandeln. Wir verhandeln alle unaufhörlich, zuhause über Ordnung etwa, oder über Einkäufe und Ernährungsregeln, am Arbeitsplatz über alles, was Gewerkschaften nicht geregelt haben und noch viel mehr, ganz zu schweigen von Wirtschaft und Politik.

Alle klugen Köpfe, deren Werke Molander gelesen hat, um Lösungsvorschläge für den perfekten Vertrag zu studieren, stoßen an dieselbe Grenze. Zitat: ” Eine politische Theorie mit einem solchen Anspruch muss die sozialen Mechanismen berücksichtigen, die die Entwicklung nach Abschluss der Vertragsverhandlungen bestimmen werden. Seine Überlegungen bei der Unterzeichnung des Vertrages zu beenden wäre vergleichbar mit dem Ende des Märchens, wo der Prinz die Prinzessin bekommt, nachdem er sie vor dem Drachen gerettet hat. Das ist nicht das Ende des Märchens, das ist vielmehr sein Beginn.”

Alles andere als märchenhaft einfach lassen sich die folgenden Passagen lesen, in denen mathematische Erkenntnisse über “Nutzenfunktion” und ähnliches ausgebreitet werden, auf der Grundlage der Arbeit des Spiel- und Verhandlungstheoretikern John Nash in den 1950er Jahren. Das Ergebnis mathematischer Forschung ähnelt verblüffend der Erkenntnis, die wir gewinnen, wenn wir Murmelspieler beobachten. Molander fasst das so zusammen: “Wer bei Verhandlungsbeginn über die größeren Ressourcen verfügt, erzielt in der Verhandlung auch das bessere Ergebnis.”

Wie sehr dieser Merksatz nicht nur auf Einzelpersonen sondern auch auf Gruppen unterschiedlicher Größen zutrifft, hat Molander aus dem Werk von Adam Smith entnommen. Der hatte in seinem Hauptwerk “Wohlstand der Nationen” die ungleichen Bedingungen im Großbritannien des späten 18. Jahrhunderts notiert. Smith wird ja gern von den Verfechtern des freien Spiels der Kräfte am Markt zitiert, aber Molander beweist, dass er sich sehr sensibel mit den Grenzen der Vertragsfreiheit beschäftigt hat, Zitat: “Ein Gutsbesitzer, ein Landwirt, ein Handwerksmeister oder ein Kaufmann können, wenn sie auch keinen einzigen Arbeiter beschäftigen, doch im Allgemeinen ein oder zwei Jahre von den Kapitalien leben, die sie bereits erworben haben. Viele Arbeiter dagegen können nicht eine Woche nur wenige einen Monat und kaum einer ein Jahr ohne Beschäftigung bestehen. Auf die Dauer freilich kann der Arbeiter dem Meister ebenso notwendig werden, wie der Meister ihm; aber die Notwendigkeit ist keine so unmittelbare.”

Molander stellt wenige Seiten später fest: “Es gibt kein stabiles Gleichgewicht mit einer plausiblen gleichwertigen Verteilung der Ressourcen einer Gesellschaft,” um daran die Frage zu knüpfen: “Sind diese Fakten aber relevant für eine ideologische Diskussion?” Na klar. Warum diese Antwort naheliegt, kann der Autor ausführlich und überzeugend erklären, wenn er die historischen und aktuellen Erkenntnisse und Widersprüche von Liberalen und Konservativen, von Sozialdemokraten und Kommunisten, auch von Philosophen und Religionen im Umgang mit der Ungleichheit beschreibt.

Sehr, sehr lesenswert. Und die vorangestellte Schlussfolgerung aus Allem ist nachweislich auch schon lange bekannt: “Zu erleben, wie ihre Rechte den Aktiven zum Opfer fallen, ist das übliche Schicksal der Passiven. Gott hat den Menschen die Freiheit unter der Bedingung ständiger Wachsamkeit geschenkt.” Dieses Zitat des irischen Juristen und Politikers John Philpot Curran aus dem Jahr 1790 stellt der Autor seinem von Jörg Scherzer übersetzten Werk voran (erschienen 2017 im Westend Verlag, Frankfurt.)

Ach so, das Wort Grundeinkommen kommt im 224 Seiten langen Buch nicht vor, aber irgendwie scheint es mir sehr gut als mögliche Schlussfolgerung zum Thema zu passen. Seine Einführung würde zwar die politischen Probleme nicht unmittelbar lösen, die erkennbar durch die krass unterschiedlichen Ressourcen beim Verhandeln über alle denkbaren gesellschaftlichen Felder wachsen, wenn keine Kraft dagegen wirkt. Aber es kann wohl niemand leugnen, dass die gesicherte Existenz jedes Menschen seine Position als verhandelnde Person in jeder Beziehung bedeutsam verändert.