"Wir sind ja die Klicker, wir benehmen uns eher als Konsumenten, weniger als Bürger"

Kurzweiliger Ritt über den digitalen Hindernisparcours

Am Ende nennt sie es selbst „einen Ritt“. Constanze Kurz vermittelt ihrem Publikum im Bildungsverein Hannover in einer knappen Stunde kompakt und kompetent einen klaren Blick auf die Risiken und Nebenwirkungen im Umgang mit Computern, Netz und Apps.

Facebook ist für sie „klebrig“, weil dessen Programmierung zielstrebig darauf ausgerichtet sei, die Nutzer in der App zu halten, um mit dem Verkauf von Werbeplätzen Geld zu verdienen.
In der Biometrie rechnet sie fest mit der zunehmenden Nutzung von Sprache als unverwechselbarem Merkmal von Persönlichkeiten; einem Merkmal, das sehr viel aussagekräftiger ist als der Fingerabdruck oder auch die Gesichtserkennung.
„Nach Snowden“ habe sich die Kenntnis von einer „Abhörindustrie“ vertieft, einer Branche, die vor Snowden sicher auch schon da war – aber nun gebe es mehr Sensibilität des Publikums, mehr Streben nach sicherer Verschlüsselung. Und mehr kommerzielle Interessen daran, den Geheimdiensten Instrumente zu verkaufen; dafür gebe es mehrere Messen im Jahr, auf denen sich Schlapphüte und Werbewirtschaft über den Stand der Lausch-Technik informieren können.
„Wir sitzen im Computer,“ meint Constanze Kurz, wenn sie über die Zukunft des Autos redet. Die großen Tech-Firmen sind die mächtigen Konkurrenten der Autobauer in der Entwicklung des autonomen Fahrens und ganz aktuell des Software-unterstützten Fahrens. Hier wie bei anderen Themen beklagt sie, dass die Gesetzgeber weltweit noch keine Haftung für Software durchsetzen, anders als für ihr Lieblingsbeispiel, die Waschmaschine, für die es ordentliche gesetzliche Regeln zum Schutz der Verbraucher gebe.
„Die Technik wächst weiter in uns hinein,“ meint sie mit Blick auf den medizinischen Fortschritt und fügt augenzwinkernd hinzu: „Ich würde ja auch gern mit einem Exoskelett durch Berlin hüpfen.“ Aber: “Wer steuert mein Exoskelett?“ Sie sieht in der Gesellschaft ein „großes Problem mit der Risikowahrnehmung“ und wünscht sich eine Debatte darüber, wie nahe sich „Werbemanipulationen“ und „politische Manipulationen“ tatsächlich sind.
Dieses Thema ist nach einem Beitrag aus dem Publikum (10 Frauen und 14 Männer) aufgekommen, als eine Frau erzählte, dass sie sich beim Spaziergang auf Mallorca über Essengehen unterhalten hat. Wenig später tauchte im Smartphone die Werbung einer nahegelegenen Pizzeria auf. Ob das Zufall war, hat niemand im Publikum gefragt, dass das die Folge davon war, dass ein Sprachroboter mitgehört und die Information in personalisierte Werbung umgesetzt hat, hat auch Constanze Kurz sofort für möglich gehalten. In der lebhaften Aussprache fehlte nicht der Beitrag, dass sich manche Konsumenten wünschen, mit personalisierter anstatt mit beliebiger Werbung angesprochen zu werden. Ganz allgemein meint Constanze Kurz dazu, „wir müssen höher priorisieren, was wir uns wünschen.“
Die Ansage für den optimistischen Teil ihres Referates beginnt sie mit dem Versprecher: „Wir sind wertvoll – äh wehrhaft! Wir sind ja die Klicker, wir benehmen uns eher als Konsumenten, weniger als Bürger.“ Dabei habe sie, die in Ostberlin aufgewachsen ist und zur Wendezeit Teenagerin war, in bester Erinnerung, dass im Westen damals schon Mülltrennung ganz selbstverständlich war. Es gilt für sie als bestes bürgerliches Beispiel, dass das ökologische Bewusstsein in der Bevölkerung gewachsen ist, bevor es den politischen Mainstream dominiert hat.
Im Umgang mit Digitalisierung und Vernetzung sind „wir alle“ nach ihrer Meinung noch in einer ähnlich frühen Phase wie die Umweltschützer in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts. „Wir“ könnten also noch die Kurve nehmen vom Konsumdenken zu mitdenkenden Bürgern, die mindestens allgemeine Kenntnis von Risiken und Nebenwirkungen in der schönen neuen Datenwelt haben und ernstnehmen. Diese Referentin kann diese Kenntnis ausgesprochen kurzweilig vermitteln, das Publikum dankt mit herzlichem Applaus.

Das Beste kommt zum Schluss: Das Foto oben zeigt die politischen Forderungen von Constanze Kurz beim Referat im Bildungsverein Hannover.

Aufnahme Bernd Kirchhof