Volksbegehren für Artenvielfalt zwingt Landtag zur Beratung des Gesetzentwurfes der ÖDP

Insekten haben keine Rückzugsgebiete mehr

“Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern – Rettet die Bienen!”, so lautet der Titel eines Volksbegehrens, das die kleine Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) initiiert hat. Bei der vorigen Landtagswahl hatte sie nur 1,6 Prozent der Stimmen erhalten (212.000), aber sie mobilisiert offenkundig mit großem Erfolg mehr als zehn Prozent der bayerischen Wahlberechtigten. So hoch ist die Hürde in dem Freistaat, die übersprungen werden muss, um ein Volksbegehren in den Landtag zu bringen. Innerhalb von zwei Wochen müssen sich also etwa eine Million Wählerinnen und Wähler in Rathäusern zustimmend eintragen lassen. Die Süddeutsche Zeitung meldet am 9. Februar 2019, dass das Quorum bereits nach fünf Tagen zur Hälfte erfüllt ist. Am 12. Februar um 16 Uhr teilt der Bayerische Rundfunk mit, dass die erforderliche Zustimmung erreicht ist.

Die Ursachen für Insektensterben werden vorrangig in der Landbewirtschaftung gesehen. Welche Rolle die Lichtverschmutzung spielen könnte, wird bisher wenig thematisiert (Textauszug der wikipedia-Erläuterung am Ende dieses Beitrags.)

Süddeutsche Zeitung, 16. Februar, Kommentar von Tina Baier

Auszug:

Klar ist, dass in der Natur vieles zusammenhängt. Als Folge des Insektensterbens gibt es beispielsweise weniger insektenfressende Vögel. Doch wie wirkt sich der Schwund der Kerbtiere auf Speisefische aus, von denen sich viele ebenfalls von Insekten ernähren, genauer gesagt von deren im Wasser lebenden Larven? Was passiert mit den Wildpflanzen, von denen 90 Prozent von Insekten bestäubt werden? Und was geschieht, wenn all diese ohnehin schon unter Druck stehenden Organismen auch noch einen Anstieg der Temperaturen aufgrund des Klimawandels verkraften müssen? Um solche Zusammenhänge zu erforschen, ist es dringend nötig, dass verschiedene wissenschaftliche Disziplinen eng zusammenarbeiten. Und dass diese Forschung ihrer Bedeutung entsprechend finanziell ausgestattet wird. Ein Budget wie das der europäischen Raumfahrt wäre angemessen.

Deutschlandfunk, 12.2.2019, von Joachim Budde

Agrarwirtschaft in der EU – Mögliche politische Maßnahmen gegen Insektensterben

Wie kann man das Sterben von Insekten bekämpfen? Gezieltere Subvention der Landwirtschaft sei laut dem Naturschutzbund Deutschland ein Schritt in die richtige Richtung. Unter anderem dazu stimmt die EU-Kommission voraussichtlich 2020 ab. Deutsche Politiker sind sich derzeit uneinig.

Süddeutsche Zeitung, 11.2.2019, Von Tina Baier; Auszug:

 In 100 Jahren ausgestorben?

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass das Insektensterben nicht nur in Deutschland stattfindet, wo es erstmals wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Der Schwund der Kerbtiere ist ein weltweites Phänomen. Wenn es nicht gelingt, ihn zu stoppen, habe das “katastrophale” Konsequenzen, schreiben die Autoren eines Übersichtsartikels in der Fachzeitschrift Biological Conservation, in dem sie zusammengetragen haben, was bisher über das weltweite Insektensterben bekannt ist.


Auszüge aus der gemeinsamen Pressemitteilung mit dem Entomologischen Verein Krefeld und dem Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere; veröffentlicht am 7.November 2018 im Informationsdienst Wissenschaft idw
  • Starke Rückgänge sind in allen bislang untersuchten Insektengruppen der Hautflügler, Fliegen, Käfer und Schmetterlinge in Schutzgebieten zu verzeichnen.
  • Im Zeitraum von 27 Jahren sind die Biomassen der Insekten um durchschnittlich 76 Prozent zurückgegangen.
  • Wenn selbst Naturschutzgebiete und europäische Natura 2000-Flächen nicht mehr in der Lage sind, als Rückzugsräume die Defizite der Artenvielfalt in der ‚normalen‘ Landschaft auszugleichen, ist eine dringende Umsteuerung in der Landwirtschaft und in der Agrarpolitik geboten.

Insekten üben zentrale Rollen in allen terrestrischen Landlebensräumen aus. Darüber hinaus stehen sie an der Basis vieler Nahrungsketten und daher sind durch Biomasserückgänge z.B. auch insektenfressende Vogelarten in EU-Vogelschutzgebieten und die nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützten und nach FFH-Richtlinie geschützten Fledermäuse besonders betroffen.

Von den ca. 48.000 Tierarten in Deutschland zählen mehr als 33.000 Arten – rund 70 Prozent – zu den Insekten. In allen vier artenreichen Gruppen der Hautflügler, Fliegen, Mücken und Käfer werden im Projekt derzeit umfangreiche Auswertungen zu den Insektenrückgängen durchgeführt. Insekten sind wesentliche Funktionsträger in allen terrestrischen Lebensräumen: Sie sichern die Blütenbestäubung, sind an Bodenbildung und Gewässerreinigung beteiligt und wichtige Regulatoren in Ökosystemen. Nicht zuletzt sichern sie wesentliche Teile der Welternährung ab und sorgen für eine gesunde lebenswerte Umwelt.

Sabine Heine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere

Wie  es weitergeht mit dem Volksbegehren, in dem über einen konkreten Gesetzentwurf abgestimmt worden ist, erklärt der Bayerische Rundfunk online so:

Durch ein Volksbegehren können Gesetzesvorlagen in den Landtag eingebracht werden. Der Landtag kann dann den Gesetzentwurf des Volksbegehrens unverändert annehmen. Er kann ihn aber auch ablehnen und einen eigenen Alternativ-Vorschlag zum Volksentscheid vorlegen.

Nun will Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schon in der kommenden Woche Kompromissmöglichkeiten ausloten. Für Mittwoch nächster Woche lädt er die Initiatoren und Kritiker des Volksbegehrens zu dem bereits angekündigten Runden Tisch ein.


Weitere Informationen:
Bundesamt für Naturschutz, Bonn:
www.bfn.de/themen/insektenrueckgang.html (Insektenrückgänge), https://www.bfn.de/themen/natura-2000.html (Europäisches Schutzgebietssystem Natura 2000)
https://www.bfn.de/themen/rote-liste.html (Rote Listen)
Entomologischer Verein Krefeld e.V.:
http://www.entomologica.org
Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig Bonn (ZFMK):
https://www.zfmk.de/de
https://www.bolgermany.de/ (Barcoding Deutschland)

sh auch: Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 18. Oktober 2017 unter dem Titel “Dramatischer Insektenschwund in Deutschland” über besorgniserregende Forschungsergebnisse. Die Autorin Tina Baier hat am 20. Oktober 2017 ihre Meinung dazu veröffentlicht: Rettet die Insekten , und stellt am 4.11. 2017 die “Bedrohung unserer Lebensgrundlagen” fest.


Anmerkung von Bernd Kirchhof am 13.2.2019

In all den hier verlinkten Texten spielt das Stichwort “Lichtverschmutzung” keine Rolle obwohl es dazu in Wikipedia heißt:

Die verbreiteten weißen Lichtquellen mit hohem Blauanteil im Spektrum stellen ein erhebliches Problem für die Navigation oder Orientierung nachtaktiver Insekten und auch für Zugvögel dar.[19]

Insbesondere die Auswirkungen von nächtlicher Kunstbeleuchtung auf Insekten sind gut dokumentiert. Untersuchungen aus dem Jahr 2000 zeigen, dass in Deutschland an einer einzigen Straßenlampe in jeder Sommernacht durchschnittlich 150 Insekten zugrunde gehen. Rechnet man das auf die ca. 6,8 Millionen Straßenlaternen auf deutschen Straßen hoch, sind dies jede Nacht über eine Milliarde Insekten.[20] Zahlreiche andere Lichtquellen wie die Beleuchtung von Gewerbe- und Industriegebieten, Werbeflächen oder Privathaushalten sind dabei noch nicht berücksichtigt.[21] Je größer die Wellenlänge des Lichts, desto geringer ist die Lockwirkung auf Nachtfalter.[22]

Neben Insekten werden zahlreiche weitere Tierarten durch Lichtverschmutzung geschädigt. So beeinträchtigt nächtliches Kunstlicht beispielsweise die Orientierung von Zugvögeln und führt unter anderem dazu, dass Vögel in hell erleuchtete Gebäude fliegen und dabei verletzt werden oder zu Tode kommen (das sogenannte „Towerkill-Phänomen“).[23]