Historikerin ordnet Wortverständnis in gesellschaftliche Epochen ein

Leistung war nie ein statischer Begriff

Mit dem lakonischen Satz „Leistung ist auch nicht mehr das, was sie einmal war“ setze ich gleich mehrere Deutungsrahmen, neudeutsch Frames genannt. Damit deute ich meine mögliche Meinung an, früher sei alles besser gewesen (trifft aber nicht zu), vielleicht auch, dass früher die Menschen mehr geleistet hätten (glaube ich auch nicht.) Vielmehr geht es für mich um die Aussage, dass der Begriff Leistung früher auch mal eine andere, durchaus sympathische Bedeutung gehabt hat. Das habe ich aus dem Buch mit dem schönen Titel „Die Erfindung der Leistung“ gelernt, verfasst von der Historikerin Nina Verheyen.

Heute verstehen wir unter dem Begriff kategorisierbare, messbare Anstrengungen und/oder Ergebnisse. Damit lassen sich Rekorde aller Art bestimmen, lassen sich Tarifnormen aushandeln, lassen sich Lernergebnisse benoten, kassenärztliche Bewilligungen begründen. Sogar exorbitant hohe Managergehälter werden damit gerechtfertigt, wobei dann häufig auch erwähnt wird, die besondere Leistung bestehe in der Wahrnehmung besonderer Verantwortung. Nina Verheyen setzt diesem Beispiel gern entgegen, die Hebammen hätten sogar besondere Verantwortung für Gesundheit und den Start ins Leben, ohne die angemessene Anerkennung und Belohnung.

Es gab auch eine – nicht nur schöne – bürgerliche Zeit um 1800, als der Begriff „Gesellschaft leisten“ wichtiger war als etwas Besonderes oder Gewinnbringendes zu leisten. Nina Verheyen stellt aber klar, dass sich nur diejenigen diese Haltung leisten konnten, deren Lebensunterhalt nicht ausschließlich von Arbeitsleistungen abhängig gewesen ist – und diejenigen Bürger, eben Männer, deren Frauen die unterstützende Arbeit für gesellschaftliche Ereignisse im Hintergrund leisteten.

Regeln und Instrumente zur Bewertung von Leistungen werden von Menschen bestimmt, aber „ohne irgendeine Form von Unterstützung schafft niemand etwas, und wenn wir etwas schaffen, ohne dass es jemand merkt, zählt es nichts im Spiel der Statusverwertung,“ heißt es im Kapitel 3 auf Seite 56 des 208 Seiten langen kurzweiligen Buches.

Schon im Vorwort stellt die Autorin klar, dass sie „weder pauschale Leistungskritik“ übt, „noch breche ich umgekehrt eine Lanze für das Leistungsprinzip.“ Weiter heißt es auf Seite 11: „Gerade wer sich ein weniger erschöpfendes und einzelkämpferisches, dafür ökonomisch sichereres und ruhigeres sowie sozial gerechteres Lebens wünscht, darf den Glauben an ` Leistung ` als Ordnungskategorie des Sozialen nicht vollständig aufgeben.“

Wer sich dafür interessiert, was das Leistungsethos einer Sozialistin – kurz dargestellt am Beispiel des Lebens der 1865 in Halberstadt geborenen Lily Braun – mit den Leiden des jungen Werther – 1774 literarisch beschrieben vom 25jährigen Goethe – zu tun hat, findet früh in diesem Buch die riesige Spannbreite von individuellen und gesellschaftlichen Leistungserwartungen beschrieben. Nina Verheyen stellt ihre Beispiele in eindeutigen Zusammenhang mit jeweiligen gesellschaftlichen Befindlichkeiten, die sie nicht bloss vermutet sondern mit Verweisen auf Quellen ziemlich überzeugend belegen kann.

So wird ein Leitgedanke nachvollziehbar, der in dem Buch mehrfach auftaucht. Leistung ist nicht und war nie ein statischer Begriff, sondern das Ergebnis vieler Strömungen in den Zustand der sozialen Gemeinschaft. Deshalb ist der Begriff auch immer wieder neu bestimmbar. Wenn sich dafür in unserer Gesellschaft ein Bewusstsein entwickelt, müssen wir nicht darauf warten, sondern können aktiv darauf einwirken, mit dem Wort einen gerechteren sozialen Rahmen zu setzen.

(ISBN 978-3-7425-0259-9, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2018, Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung.)